Der Mensch ist länger tot als dass er lebte
– oder „But there is in fact more earth than sea“ –
(Genesis, Selling England by the Pound)

Er wollte gern unendlich leben
und seine Seele dafür geben,
dass von Schuld und Zwang befreit
sei ohne Ende seine Zeit.

„Das ist nicht schwer“,
lockt aus dem Licht gefallen
mit süßer List der schwarze Engel,
„wirf deine kleine Seele
tief in meinen dunklen Schatten,
dass keine Schuld dich länger quäle.“

Gesagt, getan,
befreit von Schuld und allen Zwängen
bricht ohne gestern, ohne morgen
nun der Wolf aus ihm hervor,
kennt Wollen nur und Drängen.

Doch bald nach seiner losen Triebe
immer gleichem leerem Spiel
dürstet’s ihn nach Sinn und Ziel,
nach Schönheit, Wahrheit, Deutung
und Glaube, Liebe, Hoffnung.

„Gib meine Seele mir zurück,
ohne sie fehlt mir das Glück.“
„Gemach, gemach“,
der Engel sprach,
„was kriechst du schwacher Erdensohn
vor mir mit blödem Blick,
willst deine kleine Seel‘ zurück!
Enthob ich dich der Liebe
Fron und Qual und gab dir
unverzollte, freie Triebe,
dass du beklagst nun falschen Lohn?“

„Gleichwohl, mein Herr und schwarzer Engel,
du nahmst mir dafür meine Seele,
wie wüßte ich, dass sie mir fehle?“
Der Engel aber grollte:

„Ich nahm, du Wicht, dir nicht die Seele,
du gabst sie mir, warfst sie noch nach,
dass dich mit weh und ach
Moral nicht länger quäle!

Geh in deiner leeren Kammer
mit dir nun selber ins Gericht
und sieh im Spiegel dein Gejammer.
Ich feilsche nicht, gibt kein zurück,
erspar‘ mir deinen Dackelblick!“

Verkaufte ohne Not
der Mensch noch seine Seele,
so bliebe leer nur sein Gewühle
und er wohl um so länger tot
als dass er lebte.

Und die Moral von der Geschicht?
Entfällt der Engel auch dem Licht,
bleibt doch im Dunkeln sein Gesicht,
so trau ihm nicht. 

Yeti

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